Buchbesprechung:

Estrela Carvas, Os meus 30 anos com Amália

Amália Rodrigues (23.7.1920 – 6.10.1999) wird zu Recht die “Königin des Fado“ genannt. Keiner hat wie sie den Fado geprägt und weiter entwickelt. Ihre Stimme, die stilsichere Skandierung, besonders im fado triste , ist unverwechselbar und unerreicht.

Doch was für ein Mensch war Amália Rodrigues? Wer war diese Frau, um die sich so viele Legenden ranken? Die wichtigsten biographischen Fakten sind bekannt. Doch wie sah es in ihrer Seele aus? Darüber kann wohl niemand besser Auskunft geben als Estrela Carvas. Sie war die letzen 30 Jahre die engste Vertraute von Amália, führte ihre Geschäfte, begleitete sie auf ihren erfolgreichen Tourneen rund um den Erdball, aber auch in den trüben Zeiten, als Amália an Selbstmord dachte und sich in New York in psychiatrische Behandlung begab. Heute leitet sie die Casa-Museu Amália Rodrigues , Amálias ehemaligen Wohnsitz in der Rua de São Bento 193, nicht weit vom portugiesischen Parlament.

In Zusammenarbeit mit der jungen Journalistin Inês de Almeida hat Estrela Carvas ihre Erinnerungen in einem Buch veröffentlicht, das im letzten Jahr im Verlag Guerra e Paz erschienen ist. In 7 Kapiteln erzählt Estrela Carvas ihre Geschichte. Sie ist 1942 in Murça in Nordportugal geboren. Als sie 3 Jahre alt ist, geht ihre Familie nach Luanda (Angola), wo sie später eine Ausbildung zur Grundschullehrerin macht. Schon sehr früh begeistert sich die kleine Estrela für Amália, und als sie 1960 zu einem Heimaturlaub in Lissabon weilt, fasst sie sich – geplagt von einer unheilbaren amalite crónica (chronischer Amália-Ansteckung) – ein Herz und sucht die Angebetete in der Rua de São Bento auf.

Dies ist der Beginn einer lebenslangen Freundschaft und engen Partnerschaft, besonders nachdem Estrela (sie ist inzwischen verheiratet und mehrfache Mutter) nach der Unabhängigkeit Angolas (1975) nach Portugal zurückkehrt. Ihre eigene Ehe zerbricht, als sie ihrem Mann nicht in die Emigration nach Brasilien folgen will. Stattdessen bezieht sie Quartier in der Rua de São Bento. Hier versucht sie Amália den Rücken freizuhalten, indem sie ihr lästige Arbeiten abnimmt von der Steuererklärung bis zur Vorbereitung der Tourneen und der technischen Begleitung von Schallplattenaufnahmen.

In den 90er Jahren zieht sie in ihren Familiensitz in Guimarães um, pendelt aber ständig nach Lissabon, wann immer sie gebraucht wird. Als Amália sie kurz vor ihrem Tode bittet, sie auf ihr Landhaus nach Brejão zu begleiten, dort wo sie das PHG Mitglied Helge Dankwarth noch zu einer Tasse einlud (an dieser Stelle ist der Artikel Ein Foto sollte es sein in der Portugal-Post 9 zu nennen ), muss sie leider absagen. Eine Last, an der Estrela Carvas heute noch trägt und die sicher auch dazu geführt, die von Marloela Bruhns und Margarete Demuth im Namen unserer Gesellschaft ausgesprochene Einladung anzunehmen, nach Hamburg zu kommen und am 28.8. die Gedenktafel am Amália-Rodrigues-Weg zu enthüllen.

Noch ein Wort zu dem Buch. Es bezieht seinen Wert nicht nur durch die in den 7 Kapiteln enthaltenen autobiografischen Aufzeichnungen der Estrela Carvas, sondern auch durch die Fülle der Inserts mit Insider-Informationen, den Fotos und den Anhang mit reproduzierten Dokumenten und einer Zeittafel. Sie machen das Buch zu einem unerlässlichen Kompendium für den Amália-Freund und es wäre sehr zu wünschen, dass sich ein deutscher Verleger findet, der eine Übersetzung herausbringt.

Peter Koj