Curt Meyer-Clason zum Hundertsten
Von Peter Koj

Am 19. September feiert Curt Meyer Clason seinen 100. Geburtstag. Ungewöhnlich wie dieser hohe Jahrestag, ist der Lebensweg und die Karriere dieses Mannes, der nach wie vor als einer der wichtigsten Vermittler der lateinamerikanischen und portugiesischen Literatur gilt.
Geboren in Ludwigsburg, arbeitete er nach einer Banklehre zunächst in Bremen als Kaufmann. 1936 wurde er von der Firma nach Argentinien und Brasilien geschickt. Hier arbeitete er als Agent für einen Baumwollexporteur. 1942 kam Curt Meyer-Clason – kriegsbedingt – in Internierungshaft auf der Ilha Grande vor Rio de Janeiro, zusammen mit anderen „feindlichen Ausländern“, da Brasilien auf wirtschaftlichen und politischen Druck der USA sich von den Achsenmächten distanzieren musste.
Seine Internierungshaft nutzte Meyer-Clason zu extensiver Lektüre, insbesondere zeitgenössischer Autoren Südamerikas (Jorge Luis Borges, Pablo Neruda, García Márquez, Guimarães Rosa). Der gelernte Bankkaufmann war so fasziniert von der Welt der Literatur, dass er nach seiner Rückkehr nach Deutschland (1955) nicht in seinen alten Beruf zurückkehrte, sondern als Übersetzer, freier Verlagslektor und Vermittler lateinamerikanischer Literatur arbeitete.
1969 wurde Curt Meyer-Clason zum Leiter des Lissabonner Goethe-Instituts berufen. Hier war er bis 1976 tätig, d.h. noch fünf Jahre des unter Marcelo Caetano dahin vegetierenden, aber deswegen nicht minder repressiven Salazar-Regimes. So musste es natürlich zu Friktionen mit den Mächtigen kommen, wenn er „linken“ deutschen Autoren wie Bertold Brecht und Peter Weiss (Der Gesang vom lusitanischen Popanz) in seinem Haus Gehör verschaffte. Das Goethe-Institut wurde auch zu einer Anlaufstelle für portugiesische Linksintellektuelle (die Germanisten Paulo Quintela und der vielen noch aus seiner Hamburger Zeit bekannte João Barrento) und oppositionelle Schriftsteller wie Miguel Torga, José Cardoso Pires, Urbano Tavares Rodrigues, Almeida Faria, Carlos de Oliveira.
Meyer-Clasons großes Verdienst ist es, diese Autoren durch seine Übersetzungen auch einem größeren deutschen Lesepublikum zugänglich gemacht zu haben. Dies gilt auch für eine Reihe brasilianischer Autoren, allen voran João Guimarães Rosa mit seinem monumentalen Grande Sertão (deutsche Übersetzung Köln 1964). Die in den 80er Jahren entstandenen, zumeist in dem (leider nicht mehr existierenden) Freiburger Verlag Beck & Glückler erschienenen Übersetzungen zeichnen eine eher saloppe Übersetzungstechnik aus, die – wie wir auf unseren Lesabenden, z.B. von Miguel Torgas Tiere und Carlos de Oliveiras Eine Biene im Regen feststellen mussten – peinliche Missverständnisse nicht ausschließt.
Es waren die Jahre, als Curt Meyer-Clason den Übersetzerstab gerne an eine neue Generation von jüngeren Übersetzern aus dem Portugiesischen hätte übergeben sollen, die sich mit mehr Sensibilität dem Original näherten wie z. B. Ray-Güde Mertin, Berthold Zilly, Ines Koebel, wie auch die Hamburgerinnen Karin von Schweder-Schreiner und Maralde Meyer-Minnemann. Seinen Nachruhm hatte er sich zu dieser Zeit gesichert. Bereits 1972 hatte er den Übersetzerpreis der deutschen Akademie für Sprache und Dichtung erhalten und 1978 den des Kulturkreises im Bundesverband der Deutschen Industrie. Das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse sollte 1996 folgen. Vor allem hatte er sich bereits selbst ein Denkmal gesetzt mit der Veröffentlichung seiner Portugiesischen Tagebücher (1969-1976), die 1979 mit einem Nachwort von Walter Jens im Athenäum-Verlag erschienen war. Das Buch, das lange Zeit vergriffen war, ist nun wieder im A1 Verlag erhältlich. Dasselbe gilt für seine Erzählungen. Curt Meyer-Clason war nämlich nicht nur ein rastloser Übersetzer, sondern auch Schriftsteller, der eine Reihe von Büchern herausgegeben hat (Romane, Erzählungen, Anthologien).
Wer sich über die Situation Portugals und die deutsch-portugiesischen Kulturbeziehungen in den bewegten Jahren kurz vor und während der Nelkenrevolution ein Bild machen möchte, dem empfehlen wir die Lektüre dieses Buches. Natürlich ist es nicht frei von Eitelkeit und auch gelegentlich ungerecht. So ist das Porträt seines Vorgängers Wolf Bergmann (S. 18-22) eher eine Karikatur. Bergmanns Witwe Charlotte hatte sich seinerzeit bei mir darüber auch bitter beklagt und der ehemalige deutsche Pastor in Lissabon, unser inzwischen verstorbenes Mitglied Georg Laitenberger, geht im zweiten Teil seines Artikels Wahrhaftigkeit im Exil (Portugal-Post 26, S. 18) auf diesen Aspekt ein. Der Bayrische Rundfunk sendet am 9. September um 20:30 Uhr in seinem 2. Hörfunk zu Ehren des Jubilars ein Hörspiel, das auf den Portugiesischen Tagebüchern basiert.
In den allerletzten Jahren ist es um Curt Meyer-Clason ruhiger geworden. Aus gesundheitlichen Gründen muss er auf jeden öffentlichen Auftritt zu seinem Festtag verzichten. Unsere Gesellschaft möchte Curt Meyer-Clason trotz aller Diskussion um seine Person und seine Übersetzungen danken für alles, was er für die Verbreitung der portugiesischsprachigen Literatur und der Förderung der deutsch-portugiesischen Kulturbeziehungen geleistet hat. Parabéns e as melhoras.